Die Familie – ein Auslaufmodell?

Dr. Peter Dold, Sie sind ein Familienmensch und glauben an die Notwendigkeit einer Familie. Wie erklären Sie sich das Ueberleben der Familie in dieser postmodernen Zeit der Individualisierung?

Peter Dold:

In der heutigen postindustriellen Gesellschaft ist es schwerlich möglich, noch von einem einheitlichen Individuum zu reden: Wir sind gewohnt, dieser Welt je nach situativem Kontext eine andere Rolle einzunehmen, die mit anderen Verhaltensweisen verknüpft ist. Wenn wir aber mehr oder weniger beliebig zwischen mehreren Rollen wechseln können und wir für unser eigenes Glück ausschließlich selbst verantwortlich sind, dann brauchen wir die Familie. Sie bietet in diesem Wechselspiel Geborgenheit und Ausrichtung.

Doch, wozu sollte man sich dauerhaft an die gleichen Personen binden, wenn es noch nie so einfach war global zu kommunizieren und neue Menschen kennen zu lernen?

 Peter Dold:

Die Liebe gilt als Code, woran das Fazit anschliesst! Denn die Familie ist mehr als die Summe ihrer Teile. Der Mensch ist ohne Familie nicht möglich. Hat er seine Ursprungsfamilie nicht oder nicht mehr, bildet er eine sogenannte Ersatzfamilie. Der Grund liegt in der Sehnsucht nach Getragen werden und dem Faszinosum des Miteinandersein. Der Mensch der Moderne ist nicht nur trotz der modernen Gesellschaft, sondern erst recht und nur durch sie auf andere Menschen angewiesen. Identität ist in der funktional differenzierten Moderne allein möglich durch gegenseitige Anerkennung oder Synthese; wir können nur mit dem Finger auf uns zeigen und „ich“ sagen, wenn es „die anderen“ gibt.

 

Danke für das Gespräch Peter Dold. Dozent am IKP:

 

Christina Casanova

 

 

 

Autor: Christina Casanova

Christina Casanova ist Psychotherapeutin und Autorin, tätig in Chur und Zürich

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