“Unsere tägliche Beziehungspflege gib uns heute”

Ich habe mich mit Dr. Peter Dold, Dozent am IKP für die Ausbildung Paar- und Familientherapie über Familien-Glück unterhalten.

Peter Dold sagt:

Seit Menschen sich auf dieser Welt bewegen und sich erfolgreich durchgesetzt und ausgebreitet haben, ging es um elementarste Belange: Nahrung, Fortpflanzung, Aufzucht, Pflege und Schutz von Nachwuchs und Behauptung gegenüber einer Umwelt, deren Bedrohung minimiert werden musste. Der Zusammenhalt in der Gruppe, ob in Grossfamilien oder kleineren Familienverbänden, war ebenso Gewähr fürs Überleben, wie die Anpassung an die Umwelt in z.B. unterschiedlichen Klimazonen.

Christina Casanova: Biologen würden von der Bedeutung der Weitergabe der Gene sprechen, und Umweltexperten liessen uns heute den Einfluss und die Veränderbarkeit der Gene durch die Einwirkungen der Umwelt erkennen.

Peter Dold sagt:

Früher waren z.B. einzelne Eskimos – extremer Lebensbedingungen wegen – ausser Stande, allein eine Frau zu ernähren, was dazu führte, dass mehrere Männer eine Frau heirateten. In anderen Regionen, auch unter den Vorstellungen von Religionen, konnte ein Mann mehrere Frauen nehmen. Bei noch wenigen Populationen von Pygmäen im afrikanischen Urwald ist z.B. die Vaterschaft bei Kindern ungeklärt, weil es bei den Frauen zu unterschiedlichen intimen Kontakten mit Männern kommt. Das klassische Familienbild gehört eigentlich in den Reigen einer Vielfalt von Modellen, die heute noch gelebt werden. Doch auch unser klassisches Familienbild, steht unter dem Einfluss einer sich rasant verändernden Umwelt, was auch unsere Gene nachhaltig rasch beeinflusst. Bei Vätern, die während der Woche z.B. arbeitsplatzbedingt nicht bei ihren Familien sein können, wird von der Liebe aus dem Koffer gesprochen. Patchworkfamilien kennen wir seit geraumer Zeit, Regenbogenfamilien sind für manche noch gewöhnungsbedürftig. Offene Partnerschaften, Partnertausch, Alleinerziehende, erweiterte Familien: kaum mehr zu überschauende Formen begegnen uns. Steigende Scheidungsraten, Partnerschaften ohne Trauschein, Geburtenrückgang, Doppelbelastungen der Mütter durch Beruf und Sorge um die Kleinkinder, all das müsste den Status der Familie berechtigterweise fragwürdig werden lassen.

Woher die Sehnsucht nach der heilen Familie? Dahinter steckt das, was wir für unsere Entwicklung brauchen: einen Ort und Personen wo und mit denen wir uns nicht nur wohl fühlen, sondern lernen Kummer und Angst zu bewältigen, wo wir spüren, was traurig macht und weh tut, was strukturiert und befähigt uns in der Gesellschaft zu bewegen, zwischen Mein und Dein zu unterscheiden, wo wir lernen, den Wert von Dingen zu schätzen, wo wir spüren, wir werden geliebt und können andere gern haben. Früh erfahren wir in der Familie Berührung, wir lernen in dem kleinen „Kosmos“, wie alle mit allen und alles mit allem verbunden ist. Wir lernen fühlen wie Mutter, Vater und Geschwister fühlen, wir lernen uns schützen, verteidigen eingliedern, Position zu beziehen. Nicht erst Martin Buber hat uns ins Bewusstsein gebracht, dass wir auf ein Du, auf Beziehungen angelegt sind. Auch in unseren Genen ist Familie grundgelegt. Die Veränderung in der Umwelt formt und verändert die Familie und schafft neue Formen, wie wir auch im Rückgriff auf einmal in Frage gestellte Modelle wieder Bewährtes erkennen lernen. Die Wandelbarkeit und Veränderlichkeit erfahren wir in der Familie, wir erfahren auch, dass nichts ist, was bleibt. Die oft auf die persönliche Zukunft ausgerichtete Sehnsucht nach Harmonie und Perfektion muss uns auf Dauer erkennen lassen, wie jede Beziehung jederzeit der Pflege, des Förderns und kontinuierlicher Arbeit bedarf. Familie haben genügt nicht; er heisst Familie leben.

„Unsere tägliche Beziehungspflege gib uns heute.“

Mit liebem Dank an Peter Dold!

Christina Casanova

 

Autor: Christina Casanova

Christina Casanova ist Psychotherapeutin und Autorin, tätig in Chur und Zürich

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