Psyche und Ernährung

Ich habe mich mit Frau Jsabella Zädow getroffen und mit ihr über Zusammenhänge von Ernährung und Psyche gesprochen. Sie ist  Ernährungsfachfrau und wirkt als Dozentin am Institut für Körperzentrierte Psychotherapie.

 

Im Volksmund sagt man gerne: “Zeig mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist.” Wie ist dies zu verstehen?

Dieser Ausdruck empfinde ich als zu verallgemeinernd und floskenhaft. Das würde ja heissen, dass sich aus dem Ernährungsverhalten ein Persönlichkeitsprofil ableiten liesse – und das kann ich so nicht stehen lassen. Jedoch liegt in jedem Volksmund ein Fünkchen Wahrheit. Aus meiner Sicht ist es so, dass sich die Selbstfürsorge auch im Ernährungsverhalten widerspiegelt.

 Ist die Ernährung tatsächlich auch als Spiegel der Seele anzusehen?

Wie bereits verdeutlicht, glaube ich, dass hinter dem Umgang mit Essen und Nahrungsmittel eine individuelle Lebenshaltung steht. Wie viel Zeit nehme ich mir zum Essen? Wie wichtig ist es mir, mich den Körperbedürfnissen entsprechend zu ernähren? Woher stammen die Nahrungsmittel, die ich konsumiere und wie wurden sie produziert?

Als zweiten Punkt möchte ich das sogenannte „emotional eating“ erwähnen. 43 % aller Normalgewichtigen und 98 % aller Übergewichtigen essen nicht aus Hunger, sondern aus einer Stimmung, einer Emotion heraus. Mit Essen ist es möglich innerhalb von kurzer Zeit den Seelenzustand zu verändern. Dieser Vorgang ist zwar ein wirkungsvoller, aber nicht immer sinnvoller Umgang mit Gefühlen.

Die Ernährung unterliegt doch auch eine Modediktat. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Mit dem Essen und den verschiedenen Ernährungsempfehlungen lässt sich viel Geld verdienen, weil jeder Mensch tagtäglich, meist mehrmals, Nahrungsmittel zu sich nimmt. Darum wechseln sich die Ernährungstrends im 5-Jahres-Zyklus ab. Mal‘ ist es chic, keine Kohlenhydrate zu essen oder das Nachtessen auszulassen. Dann wieder vermehrt auf die Fettqualität zu achten oder exotische Produkte zu kaufen. Bücher, Medienartikel oder Ernährungsberater/innen diktieren eine allgemeingültige Ernährungsform und empfehlen mit Nachdruck, dass diese von allen Menschen eingehalten werden soll. Aus meiner Sicht ist die „Aussensteuerung“ durch mehr oder weniger wissenschaftliche Quellen nicht sinnvoll. Genau so individuell und unterschiedlich der Mensch ist, so einzigartig wird auch seine Ernährung sein müssen.

Vielmehr sehe ich meine Aufgabe als Ernährungsberaterin die kulinarische Körperintelligenz der Klienten zu stärken, unabhängig vom aktuellen Ernährungstrend.

Wie hat sich die Ernährung innerhalb der letzten Jahre verändert?

Vor 100 Jahren haben die Menschen mehrere Stunden pro Tag für die Produktion, Zubereitung und Konsumation von Nahrungsmitteln aufgewendet. Heute beschäftigen sich Herr und Frau Schweizer gerade noch durchschnittlich 23 Minuten pro Tag mit dem Essen. Das Einkaufen und Kochen von Speisen wird im Alltag immer mehr zur lästigen Nebensache – im Gegensatz dazu wird in der Freizeit das Essen immer mehr als Lifestyle-Event zelebriert. Lebensmittel sind im Überfluss, zu jeder Zeit und zu immer günstigeren Preisen zu erwerben. V. Pudel und J. Westerhöfer, zwei deutsche Ernährungswissenschaftler, definieren das heutige Essverhalten in 4 Tendenzen: 1.Tendenz: Verlust der Wertschätzung

2.Tendenz: Verlust der Lebensmittelidentität

3.Tendenz: Verlust der originären Beziehung zur Herkunft

4.Tendenz: Verlust der emotionalen Beziehung

 

Diese Tendenzen zeugen meines Erachtens von der traurigen Bilanz, dass sich das Essverhalten in den letzten Jahren zum Schlechteren entwickelt hat.

Wenn es stimmt, dass eine optimale Ernährung die Gehirnfunktion begünstig, dann müssten doch viele Schüler keine Angst mehr vor der Matheprüfung haben. Was also ist falsch an dieser Aussage?

Die Brainfood-Ernährungsform betont die Wichtigkeit von Proteinen, Vitaminen und Mineralstoffen, die die Nervenübertragungen im Gehirn verbessern. Jedoch ist es lediglich unterstützend zur Lernleistung zu verstehen und nicht als Ersatz. Das heisst, eine ausgewogene Ernährung hilft sich zu konzentrieren und leistungsfähig zu sein – es speichern sich dadurch aber nicht automatisch die Mathe-Formeln im Gehirn ab.

Bitte beschreiben Sie die Beziehung zwischen Ernährungsverhalten und psychischen Prozessen.

Das sind zwei grosse, nicht endende Themenfelder, die noch nicht abschliessend untersucht wurden. Aber einige spannende Erkenntnisse hat Gisla Gniech in ihrem Buch „Essen und Psyche“ beschrieben. Und zwar zeigen Untersuchungen, dass Menschen in bestimmten Stimmungslagen Nahrungsmittel mit dazugehörigem „Sinnesprofil“ bevorzugen. Ein konkretes Beispiel: im Zustand hoher innerer Anspannung wie Ärger, Frustration oder Freude werden salzige und / oder knackige Speisen bevorzugt. Bei tiefer innerer Anspannung wie Trauer oder Langeweile sind süsse und weiche Nahrungsmittel der Renner.

 

Abschliessend möchte ich betonen, dass das Essverhalten als ein Abbild von der psychischen Verfassung und eben der Selbstfürsorge zu verstehen ist. Dass es aber leider oder gottseidank nicht möglich ist, über eine ausgewogene, gesunde Ernährung die Psyche zu heilen.

Mit bestem Dank für das Interview:

Christina Casanova

 

Autor: Christina Casanova

Christina Casanova ist Psychotherapeutin und Autorin, tätig in Chur und Zürich

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